Michael Kohl: Das Symptomenlexikon

Hahnemanns unbekanntes Meisterwerk


Der ganz normale Leidensweg eines Homöopathen

Ich führe seit 1984 eine Praxis in Erlangen, in der ich seit Anbeginn ausschließlich homöopathisch arbeite. Aber was heißt das denn: „Homöopathisch arbeiten“? In den ersten 20 Jahren meiner Praxistätigkeit war ich eigentlich immer auf der Suche nach dem „wie behandelt man denn nun wirklich homöopathisch“? Ich war fasziniert von einer Heilkunde, die von sich behauptet „schnell, sanft und dauerhaft“ zu heilen und dann auch noch nach “deutlich einzusehenden Gründen“.

In den folgenden Jahren musste ich allerdings leider feststellen, dass es „die Homöopathie“ gar nicht gibt, sondern bloß unendlich viele Strömungen, die sich untereinander nur zu oft widersprechen. Ich probierte viele von ihnen mit großem Fleiß und Eifer über Jahre aus, bevor ich mich, frustriert von den Misserfolgen, wieder erneut auf die Suche machte, bis ich Ende 2004 endlich auf das Symptomenlexikon stieß…

Hahnemann Memorial – Washington, DC – Fotografin: Susanne Schell

Eine kleine Einführung in das Symptomenlexikon

Das Symptomenlexikon geht auf eine Idee Hahnemanns sowie auf einige Anregungen Herings zurück. Bereits Hahnemann hatte mit einem von ihm selbst handschriftlich angefertigten Symptomen-Lexikon gearbeitet, das aber nicht veröffentlicht werden konnte, da es unvollständig war. Deswegen beauftragte er seinen Mitarbeiter G.H.G. Jahr, es komplett auszuarbeiten. Dieser erkannte jedoch, dass mit den damaligen technischen Möglichkeiten solch ein Projekt nicht zu schaffen war.

Dies gelang mit moderner elektronischer Datenverarbeitung erst Uwe Plate, einem homöopathischen Heilpraktiker, der dieses Werk 2004 zunächst als Buch veröffentlichte. Mittlerweile liegt es ausschließlich als Computer-Programm vor: Symptomenlexikon-Digital. Grundlagen hierfür sind die Erkenntnisse von Hahnemann, seinen engsten Schülern und Mitarbeitern wie Jahr, von Bönninghausen oder Hering.

Bei dem Symptomenlexikon handelt es sich um ein Werkzeug, mit dem man in einer bisher nicht gekannten Sicherheit sämtliche mögliche charakteristische Arzneiwirkungen unserer Materia medica erforschen kann. Dazu müssen die Prüfungssymptome in ihre Bestandteile zerlegt werden. Diese werden in Erinnerung an ihre frühere Bezeichnung „Zeichen“ genannt.

Ein vollständiges Symptom eines Patienten wäre z.B. Magenstechen, das sich beim Gehen verschlimmert. Dieses Symptom besteht somit aus den folgenden Zeichen:

Ort (hier: Magen)
Beschwerde (hier: stechende Schmerzen)
Modalität (hier: Gehen verschlimmert)

Diese Zeichen lassen sich nun mit dem Symptomenlexikon in jeder beliebigen Kombination mit einem Mausklick verknüpfen. Auf diese Weise lassen sich sogenannte Zeichenkombinationen (ZKs) erstellen.

Vom Nutzen der Zeichenkombinationen (ZKs)

Um nach dem Similegesetz zuverlässig heilen zu können, müssen wir uns bereits vor der Verschreibung eines Mittels sicher sein, wie seine exakte Arzneiwirkung aussieht. Wie lässt sich dies nun ermitteln?

Die charakteristische Wirkung einer Arznei müsste – wenn sie in der Arznei unverwechselbar verankert ist – eigentlich in jedem Prüfer die gleiche Wirkung erzeugen. Und so ist es auch. Aber anders, als man sich das früher dachte: Die charakteristische Wirkung einer Arznei erzeugt niemals vollständige Symptome! Würden von einem Mittel komplette Symptome erzeugt, dann würden ja alle Prüfer unter den gleichen Symptomen leiden und die Protokolle aus den Arzneimittelprüfungen wären voller gleich lautender Symptome. So ist es jedoch nicht. Satzwiederholungen in diesem Sinne finden sich nicht. Das lässt sich leicht durch einen Blick in die Materia medica überprüfen. Worin besteht nun aber die charakteristische und unverwechselbare Arzneiwirkung?

In den Zeichenkombinationen!

Für ein einfaches Symptom bestehend aus drei Zeichen z.B. Stechen (= Beschwerde), beim Gehen schlimmer (= Modalität), im Magen (= Ort) ergeben sich immer drei ZKs:
1. Stechen im Magen (Beschwerde + Ort)
2. Stechen beim Gehen (Beschwerde + Modalität)
3. Magenbeschwerden beim Gehen (Ort + Modalität)

Wenn man auf diese Weise die Arzneiprüfungen durchliest und daraufhin prüft, ob eine gewisse ZK gehäuft auftrat (Häufung deshalb, weil sich die Arzneikraft den verschiedensten Prüfern in der immer gleichen Weise aufdrängt), dann zeigt sich Erstaunliches: Jedes Mittel ist offensichtlich in der Lage, mehreren Prüfern ein immer gleich lautendes Muster aufzuzwingen, nämlich gleich lautende ZKs. Jedes Mittel produziert jeweils für sich ganz andere Häufungen an ZKs als ein anderes Mittel. Genau diese Kraft, in den unterschiedlichsten Prüfern immer wieder die gleichen ZKs zu erzeugen, dies ist die charakteristische Arzneiwirkung, wie es Hahnemann im Organon im § 153 ausführt.

Deutliche Erhöhung der Verschreibungssicherheit

Das SL ist das einzige homöopathische Werkzeug, mit dem jegliche Arzneiwirkung per Mausklick sofort in seiner Häufigkeit des Auftretens zu ermitteln ist. So können wir einfach und schnell die charakteristische Arzneiwirkung bestimmen und für die Heilung unserer Patienten anwenden. Die große Stärke des SLs zeigt sich somit in einer deutlich erhöhten Verschreibungssicherheit, die man täglich in der eigenen Praxis beobachten kann.

Denn: Je sicherer man die genaue Arzneiwirkung kennt, umso sicherer wird der Heilerfolg. Erst diese neuartige Kombinierbarkeit sämtlicher Zeichen der Materia medica ermöglicht eine genaue und sichere Verordnung des Similes. Dabei zeigt sich, dass unsere bisher verwendeten Arzneien ein deutlich größeres Wirkspektrum besitzen, als dies bisher bekannt war. Dementsprechend erhöhen sich auch die Anwendungsmöglichkeiten unserer Medikamente. Voraussetzung für eine sichere Arzneiwahl – und damit eine erfolgreiche Praxis – ist jedoch die korrekte Anwendung des Symptomenlexikons nach klaren, deutlich einsehbaren Regeln, wie sie von Michael Kohl im Unterricht gelehrt wurden.

Dieser Artikel ist der überarbeitete Teil eines Aufsatzes, der erstmals in der Fachzeitschrift „Homöopathie KONKRET 2.13“ veröffentlicht wurde.